Annette Bastian

 

Auszüge aus der Laudatio zum Seerosenpreis für Annette Bastian, von Reinhard Fritz

 
Die Bilder von Annette Bastian sind mir seit vielen Jahren aus dem Haus der Kunst und von zahlreichen weiteren Ausstellungsbeteiligungen aufgefallen. Bei der Vorbereitung zu dieser Laudation kam ich deshalb erwartungsvoll und neugierig gestimmt zu einem Atelierbesuch, denn ich wollte etwas über ihre Arbeitsweise erfahren.

Ich betrete helle, sparsam möblierte Wohn- und Arbeitsräume im Münchner Osten. Auf einem großen Arbeitstisch liegen geordnet Pinsel und Farben. Die neuen Bilder für die Ausstellung hier im Kunstpavillon stehen nebeneinander am Boden, einige hängen an der Wand, mit prüfenden Blicken erspürt die Malerin, ob das Bild fertig ist oder noch verändert werden muss.

Zuerst sehe ich den erzählerischen Aspekt, das Sprachbild, also einer mit Worten erzeugten Bildwelt, dann wird mir bewusst, dass sich die Bilder von Annette Bastian trotz ihrer grossen Klarheit, nur sehr schwer in Sprache
übersetzen lassen. Ich werde darauf noch näher eingehen.

Zu ihrem Kunststudium kam Annette Bastian zunächst zu Gerhard Hoehme an die Kunstakademie Düsseldorf und später an die HFBK Berlin zu Alexander Camaro.
Annette Bastian entwickelt eine Malerei aus den Wurzeln von sprachlichem und bildnerischem Denken. Indem das Erzählerische den bildformalen Ideen unter- geordnet wird, verschlägt es einem bei der Betrachtung buchstäblich die Sprache.

Das kann natürlich auch ein Ansporn sein, sich intensiver mit ihren Bildern zu beschäftigen. Vielleicht hilft uns dabei ein Blick auf den Arbeitsprozess.

In einem ersten Schritt fertigt Annette Bastian viele kleine Zeichnungen an, meist mehrere auf einem Blatt. Diese Zeichnungen werden solange bearbeitet, bis sie ihre prägnante, fast zeichenhaft-piktogrammartige Form erhalten. Diese gründet auf der Ablehnung der Zentralperspektive und einer Reduzierung des Bildinhaltes auf elementare Formen.
Nach dieser Vorarbeit beginnt mit der Übertragung der Zeichnung auf die Malfläche, also Leinwand oder MDF-Platte, die eigentliche Arbeit am Bild. Beim Farbauftrag entscheidet sie sich für eine flächige Farbgebung, bei der die Farbe Ruhe ausstrahlt. Der flächenhafte, gleichmäßige Auftrag der gemischten, pastellartigen Farben und die präzise Konturierung der Flächen werden dabei gelegentlich noch verändert und es verschwinden in der weiteren Arbeit ganze Bildteile und Figuren wieder.


 
 

 

 
 
Diese übermalten Bildteile bleiben manchmal schemenhaft weiterhin wahrnehmbar und durchbrechen damit ganz subtil die von ihr anfangs angestrebte Perfektion in der Ausführung, mit anderen Worten: das Bild zeigt durch die erkennbaren Arbeitsspuren einen lebendigen Entstehungsprozess.
Jedes Gemälde entwickelt sich damit in ein geschlossenes System dunkler Umrisslinien, die jeweils einfarbige Flächen begrenzen. Und wenn ich jetzt den Satz von Goethe ins Spiel bringe: "Man suche nichts hinter den Phänomenen, denn sie sind selbst die Lehre", erkennt der Betrachter, dass diese Bilder,
ähnlich einem Musikstück, vor allem durch ihre Gestaltung erstrahlen und erklingen. Alle sichtbare Absurdität und Rätselhaftigkeit in ihnen, meine ich, hat lediglich die Aufgabe unsere Aufmerksamkeit anzuziehen und uns zum weiteren Betrachten anzuhalten.

Als ich jedoch einige Tage später die Bilder noch einmal anschaue, springen mich die Figuren geradezu an, lassen mich nicht mehr los. Hatte ich doch erst eine Balance von ästhetischem Bilderleben und inhaltlicher Rätselhaftigkeit zu entdecken geglaubt, so muss ich jetzt deren große Instabilität erleben. Aber allmählich erkenne ich, dass gerade diese instabile Balance die große Qualität der Bilder von Annette Bastian ausmacht. Ähnlich einem Spiegelbild erkenne ich beim Betrachten der Bilder auch immer wieder meine eigene Befindlichkeit.

Ganz neu ist bei Annette Bastian eine Werkgruppe von Farbstiftzeichnungen, die anders als die kleinen Bleistiftskizzen aus der Vorarbeit zu den Bildern, auch größer sind und vollständig ausgearbeitet werden. Dabei werden die Figuren und Bildgegenstände mit graphitgrauen oder farbigen Straffuren des Zeichenstiftes modelliert und stehen auf dem weissen Papier wie in einem imaginären Raum.

Wenn ich zurückblicke auf frühere Werkgruppen, die in dieser Ausstellung nicht zu sehen sind, also auf die Bilder, die vor über 10 Jahren entstanden sind, oder auf die darauf folgenden Bildsequenzen aus zusammengesetzten Bildtafeln, denen dann die flachen Bildobjekte aus MDF-Platten folgten, spüre ich die innere Logik ihres Vorgehens. Das ständige Forschen und Weiterentwickeln der Malerin nehme ich als eine sich lebendig entwickelnde Arbeit, als ein "work in progress" wahr.

Reinhard Fritz
14. August 2014, im Kunstpavillon Alter Botanischer Garten, München